Maria Lehner (Österreich), geb. 1954, war schon als Kind vom Zauber des Erzählens und der Wirkmächtigkeit der Fantasie überzeugt. Als Pädagogin wirkte sie zuhörend und ermutigend. Essays und die Mitherausgeberschaft bzw. Autorenschaft einer Reihe von fachwissenschaftlichen Bänden in der Reihe wieser∙wissenschaft stellen das nötige Gegengewicht zum Fabulieren dar. Erfahrungen als Lektorin und Jurorin ergänzen und bereichern ihre schriftstellerische Tätigkeit. Sie ist u.a. Mitglied des P.E.N.-Clubs, des Österreichischen Schriftstellerinnenverbands und der IG Autorinnen und Autoren. Zu ihrer Publikationen zählt „Eiche bis Unteres Feld“. Erzählbrücken. Klagenfurt: Wieser. 2023 „.Und dann ins Schwarze Meer“. Porträts. Ulm: danube books, 2025.
Deutsch
BRATMAGENSTRUDEL: EINE ZUNGENMIGRATION
„Die Sprache ist eine Festung, und wer sie nicht vollkommen beherrscht, bleibt draußen vor den Mauern.“
(Elias Canetti, Die Provinz des Menschen: Aufzeichnungen 1942–1972, München: Hanser 1973)
Eine der Kernerfahrungen von Migration ist die „Bewegung zwischen sozialen und sprachlichen Räumen“. Wenn ich als Österreicherin davon erzähle, will ich mir keineswegs anmaßen, dies mit den Erfahrungen von Menschen mit traumatischen Fluchthintergründen zu vergleichen. Eine fremde Sprache (innerhalb eines Dialekt- oder Soziolektraums) ist nur ein Bruchteil der Erfahrungen rund um Fremdheit und Ausgrenzung. Aber für uns alle gilt, dass Ausgrenzungsmechanismen und das Gefühl der Fremdheit nicht an Staatsgrenzen haltmachen, sondern mitten durch unsere Gesellschaft und ihre sprachlichen Codes verlaufen. Und so gesehen, müsste jede und jeder zumindest irgendwann diese Fremdheit erlebt haben …
Das Kind trug seine Herkunft im Gaumen, fest verankert zwischen den Zähnen, wie ein Stück Erde, das nicht weichen wollte. Es war südburgenländische Erde, schwer, aber arm. In ihr wuchsen Vokale breit, sie lagen da wie frisch gepflügter Ackerboden. Und nun, zum Schuleintritt, sollte es in eine Stadt kommen, die in spitzen, schnellen Takten sprach. Man hatte es auf den Wechsel vorbereitet: Dass es nun in einem Haus mit mehreren Stockwerken wohnen würde. Dass die Wände dünn wären und man also leise sein müsse. Dass es dort keine Kühe gebe und die Leute jeden Tag so angezogen seien wie im Dorf am Sonntag. Das Kind hatte bei seinen Wochenendbesuchen bereits eine Vorstellung entwickelt. Es hatte bemerkt, dass die Sprache anders war: Die Tschisme hießen Stiefel. Der Lekvar hieß Marmelade. Die Grumpirn hießen Erdäpfel. Und so weiter.
Nur auf eines hatte man es nicht vorbereitet: auf die neue Sprache der Stadtleute. Um nicht aufzufallen, um die unsichtbare Grenze zwischen dem Dorf der Großmutter und dem Asphalt der Hauptstadt zu überqueren, hatte das Kind beschlossen, diese Sprache perfekt zu sprechen. Es wollte glatt sein, fehlerfrei, eine makellose Kopie derer, die hier schon immer zu Hause waren.
Und so lächelte es sich tapfer durch die ersten Schultage, bewegte sich wie alle anderen (nicht zu große Schritte, nicht zu viel laufen und hopsen!), striegelte mit dem Kamm einen Scheitel, wie die anderen ihn hatten, und lernte zu spielen, was die anderen spielten.
Bald wähnte es sich als Stadtkind. In der Jausenpause holte es zwei kleine Papiersäckchen heraus. Neugierig blickten die anderen hin. „Schaut nur, was für ein feines Brat und einen Magenstrudel ich zur Jause mithabe“, sagte es zu seinen Mitschülerinnen. Brot, so meinte es, sage man sicher nur auf dem Land, und auch Mohnstrudel. Brat, Magenstrudel: Ja, das musste Stadtsprache sein. Die Worte waren sorgfältig gedrechselt, jedes „a“ ein wenig zu lang, jedes „o“ ängstlich gemieden, aus Furcht, das Erbe der südburgenländischen Sprache könnte durchschlagen. Es war der Versuch einer totalen Assimilation durch Hyperkorrektur.
Das Gelächter der Klasse war die erste Grenzkontrolle, an der das Kind scheiterte. „Bratmagenstrudel!“ hallte es durch den Flur, ein Spottname wie ein Brandmal. In diesem Moment war das Kind durch die falsche Melodie eines Wortes entlarvt worden: Die ist nicht von da! Was die anderen nicht kennen, befremdet sie – und sie machen dich zum Fremden. Es lässt dich erröten, macht dein Herz klopfen. Und ihr Gelächter radiert Lücken in dein Urvertrauen.
Es folgte die Zeit der großen Stille. Wochenlang hielt das Kind die Lippen gepresst, als wäre jedes gesprochene Wort ein von Ungeheuern bewohnter Graben, in den man fallen kann. In dieser inneren Quarantäne lernte es das Handwerk der Mimikry. Es beobachtete die Lippenbewegungen der Städter, die kurzen Vokale, das nachlässige Verschleifen, das den Eingeborenen vorbehalten war. Mit seinem Plüschbären besprach es, was es tagsüber in der Straßenbahn erlebt hatte. Es sammelte unbekannte Wörter wie „Kiosk“, „Lacklederstiefel“ oder „Waschküchenschlüssel“. Und es baute nach und nach komplizierte Begriffe wie „Buchhändlerausbildung“ oder „Straßenbahn-Gesamtnetzkarte“ in seine Unterhaltungen ein.
„Magst du auch etwas sagen?“, fragte die Lehrerin immer wieder. Sie war die Grenzwächterin zur Hochsprache – eine freundliche Wächterin, die das Kind nicht als Eindringling entlarven, sondern beschützen wollte. Das Kind lächelte freundlich, schüttelte den Kopf und verneinte knapp. „Bratmagenstrudel“, raunten sie noch, aber immer seltener. Bis zu dem Tag, an dem das Kind auf die Frage der Lehrerin antwortete: „Danke, nein – mir scheint, es ist schon alles Wichtige gesagt worden.“ Das war der Tag, an dem der Bratmagenstrudel sich verflüchtigte. In der nächsten Phase verwendete das Kind zum Erstaunen seiner Eltern „Radierzky“ für den Radiergummi und „Schulzki“ für die Schultasche. Den Jakominiplatz nannte es nur noch „Jacky“.
Das Kind meinte, es habe sich nun endgültig verwandelt. Doch die wahre Metamorphose vollzog sich auf den Fahrtstrecken im Autobus: Wenn das Kind am Wochenende in den Bus stieg und die geschlossenen Siedlungen den offenen Feldern, Wäldern und Wiesen wichen, begann eine lautlose Migration im Sitzen. Der Bus war eine fahrende Dekompressionskammer. Mit jeder Station, die er tiefer in die Hügel des Südburgenlands rollte, lockerten sich die Kiefermuskeln. Die spitzen Vokale begannen zu schmelzen. Je schmaler die Straßen wurden, desto breiter wurde das „A“. Das Kind nutzte die Fahrtzeit als Schleuse. Es legte die städtische Maske ab, bis es an der Haltestelle der Großmutter wieder in jenen Code schlüpfte, der Heimat bedeutete.
Sich in den Singsang des Dorfes fallen zu lassen, hieß dennoch, aufmerksam zu bleiben: „Wie redest denn du komisch?“ oder „Was meinst du damit?“, fragten nun die Spielkameraden aus der Vorschulzeit. Denn auch sie waren plötzlich befremdet. Zwischen dem Dorf und der Stadt fühlt sich der Wechsel mitunter an, als reise man zwischen Kontinenten. Dort und da: sich das jeweils Fremde zum Vertrauten machen und von der Fremden zu einer Vertrauten werden. Ein Pendler zwischen den Grenzen sein – und auf der Rückfahrt ab Gleisdorf wieder auf die andere, die städtische Seite schwingen.
Sie, nun erwachsen, reiste viel und verständigte sich in Sprachen, von denen sie gelernt hatte, dass sie zu ganz anderen „Sprachfamilien“ gehören. In manchen war sie sicher, in anderen stotterte sie oder blamierte sich. Fremde soziale Codes waren mal spannend, mal verwirrend. Sie hatte gelernt, dass die Grenze kein Hindernis mehr war, sondern ein Privileg. Es konnte nun innerhalb eines einzigen Satzes die Welt wechseln. Sie besaß mehrere Tastaturen, Resonanzräume und Identitäten.
Heute, wenn sie in einer Sitzung im Glaspalast der Großstadt sitzt, gleiten die geschliffenen Sätze mühelos über ihre Lippen. Doch manchmal, in einem Moment der Überraschung, der Wut oder der tiefen Freude, bricht ein Vokal auf. Dann schimmert für den Bruchteil einer Sekunde die südburgenländische Erde durch den städtischen Asphalt. Es ist kein Fehler mehr, kein peinlicher Verrat wie damals am Pausenhof. Es ist ein Gruß aus der Tiefe.
Was als schmerzhaftes Verstummen begonnen hatte, entpuppte sich als das größte Geschenk: nicht mehr der „Kasper“ zwischen den Welten zu sein, sondern die Dolmetscherin des eigenen Lebens. Die Kindheitssprache war nicht verschwunden – sie war zur Tiefenschicht geworden, zum Fundament, auf dem alle anderen Sprachen nun sicher stehen konnten. Die „Zungenmigration“ hat kein Ziel, an dem man endgültig ankommt und den alten Pass abgibt. Sie ist ein fortwährendes Schwingen.
Sie weiß nun, dass man auch ohne Reisepass eine Migrantin im eigenen Land sein kann – und dass gerade die Risse in der Sprache die Orte sind, an denen das Licht der Selbsterkenntnis am hellsten einfällt. Die Festung, von der Canetti sprach, hat sie nicht gestürmt. Sie hat einfach gelernt, in den Zwischenräumen der Mauern zu tanzen.
1. Die „Welt der Großmutter“ (Das Heanzische als Klangraum)
Beschreibe das Südburgenland nicht nur geografisch, sondern als akustische Heimat.
2. Die „Ankunft in der Fremde“ (Phänomenologie der Stadt)
Das Kind in der Großstadt ist wie ein Ethnologe in einem fremden Reservat.
3. Das Handwerk des Schweigens (Die Monate der Mimikry)
Hier kannst du die „Sprach-Spionage“ ausbauen.
4. Die Busfahrt als „Dekompressionskammer“
Diese Szene ist das Herzstück und verträgt viel Raum.
5. Reflexion: Migration ohne Pass
Hier schlägst du den Bogen zum Aufruf der Zeitschrift.
Mein Vorschlag für den nächsten Schritt:
Möchtest du eine dieser Passagen – zum Beispiel die Busfahrt oder die Sprach-Spionage im Klassenzimmer – einmal detaillierter ausformulieren, um zu sehen, wie
sich der Tonfall auf längere Distanz anfühlt?