Aurelia Merz (Österreich) schreibt Kurzgeschichten und Gedichte, sie lebt und arbeitet in Wien.


 

Deutsch

 

 

DER LOTTOSCHEIN

 

 

 

Seit Jahren spielte er dieselben Lottozahlen: 4, 9, 19, 23, 26, Zusatzzahl 30. Ein Freund, der einmal zufällig seinen Schein gesehen hatte, fragte ihn neugierig, warum da keine einzige höhere Zahl dabei wäre? „Weil ein Monat nur 31 Tage hat, und weil das unsere Geburtstage sind – meiner, der meiner Frau, meines Sohnes, meiner Tochter, und der Enkel“. „Das müssten dann aber sieben Zahlen sein“, rechnete der Freund nach, „ihr habt doch drei Enkel!“ „Ja, aber meine Frau und eins der Kinder haben beide an einem 19. Geburtstag“, hatte er gelacht. Er kannte die Zahlen auswendig, und wenn die Ziehungsergebnisse im Radio verlautbart wurden, musste er keinen Schein kontrollieren, sondern nur aufmerksam zuhören. Manchmal waren drei „seiner“ Zahlen gekommen, einmal sogar vier, aber niemals fünf oder vielleicht sogar alle sechs. „Der Staat will auch verdienen“, murmelte er gekränkt, wenn ihn seine Frau scherzhaft fragte, warum er immer wieder “Deppensteuer“ zahle.

 

            Es war an ein einem verregneten Oktobertag, als er im Supermarkt die Sonderangebote für Bier studierte. Sie tranken viel Bier, er und seine Frau, und sagten manchmal etwas verschämt und nicht ganz ernsthaft, es sei fast so etwas wie ein Grundnahrungsmittel für sie. Aber Bier war teuer geworden und darum war es wichtig zu wissen, wo welche Marke gerade zum halben Preis angeboten wurde. Er achtete nicht auf die Radiomusik, mit der die Kunden permanent berieselt werden,  schenkte dem Radio aber ein halbes Ohr, als die Lottogewinnzahlen verlesen wurden.  Und als die Stimme 19 und 23 ansagte, wurde er sehr aufmerksam und spitzte die Ohren, doch dann kam 28. Damit war auch diese Ziehung, wie alle anderen, schlecht gelaufen und er konnte sich wieder mit einem Achselzucken den Bierpreisen zuwenden. Mit zwei Paletten verschiedener Marken stand er schließlich zufrieden an der Kassa. Er zahlte in bar, und als er Restgeld und Rechnung in seiner Geldbörse verstaute, fiel der Lottoschein heraus und landete im Einkaufswagen. Er bemerkte es. „Auch egal“, dachte er, „eh wieder nix“. Er war für die letzte Ziehung nicht einmal bei seinem üblichen Trafikanten gewesen, da dieser sein Geschäft kurzfristig geschlossen hatte. Vermutlich Corona. Und der umständlichen, unhöflichen jungen Verkäuferin in dieser anderen Trafik hatte er seine Zahlen einzeln ansagen müssen. Mit mürrischem Gesicht hatte sie ihre Arbeit getan, und er hatte den Schein nicht einmal kontrolliert sondern ihn weggesteckt und so schnell wie möglich das Geschäft verlassen. All das ging ihm in Sekundenbruchteilen durch den Kopf. Soviel er wusste, war diesmal keine Riesensumme im Topf, und 28 war keine seiner Zahlen. Ein Vierer oder sogar Fünfer war höchstens ein paar Euro wert, keinesfalls genug für die erträumte Weltreise. Er ließ den Schein liegen und brachte sein Bier zum Auto.

 

 

 

Es war jetzt knapp vor Sieben. Vlada schnappte sich den nächstbesten Einkaufswagen, den ein älterer Herr gerade an seinen Platz zurückstellen hatte. Sie brauchte noch schnell ein paar Sachen für das morgige Frühstück: eine Packung Milch, Butter (Herrgott, die war schon wieder teurer geworden!), Brot hatte sie noch, ein paar Eier aber, und zwei, drei Äpfel….. In weniger als fünf Minuten stand sie bei der Kassa und zappelte innerlich beim Anblick der älteren Frau, die umständlich eine Münze nach der anderen aus ihrer Börse klaubte, jede einzelne akribisch durch dicke Brillengläser betrachtete, bevor sie sie endgültig der Kassiererin überließ. Vlada hatte es eilig, denn von Sieben bis Elf abends arbeitete sie in einem immer gut besuchten Gasthaus. 20 Wochenstunden lang servierte sie, räumte Tische ab, half Geschirr 1abwaschen und packte, wenn nötig und zeitmäßig möglich, auch in der Küche zu. Abkassieren durfte sie nicht und sie wusste, dass sie beim Verteilen der Trinkgelder benachteiligt wurde.

 

             Endlich hatte die Alte bezahlt, schichtete gemächlich ihren Minieinkauf in einen Korb und blockierte weiter den Weg mit ihrem Rollator. Die Verkäuferin spürte Vladas Ungeduld, zog Milchpackung, Butter und den Rest schnell über die Kassa, schubste alles zusammen mit der Rechnung in den Einkaufswagen und drückte ihr das Wechselgeld in die Hand. Schwungvoll schob Vlada den Wagen an der inzwischen etwas auf die Seite gerückten alten Frau vorbei, stopfte eilig alles was darin lag, Waren und Zetteln, in eine Stofftasche. Ein paar Minuten würde sie ohnehin schon zu spät zur Arbeit kommen. Sie musste jetzt rennen, wenn sie ihren Job behalten wollte – und das wollte sie unbedingt, auch wenn er sie sehr anstrengte. Tagsüber arbeitete sie nämlich noch für 30 Stunden in der Woche als Pflegekraft. Trotz aller Plackerei kam sie auf nicht einmal 1800 € im Monat, und das war zu wenig, um ihren  Eltern wirklich auf Dauer helfen zu können.

 

            Vlada stammte aus Bosnien, aus einem kleinen Ort in der Nähe von Sarajevo. Ihre Eltern lebten dort in einem hübschen Haus mit einem großen Garten voller Obstbäume, Gemüsebeete und Blumen, einem Haus, das nicht ihnen gehörte - nicht mehr. Ihr Vater hatte es für sich und seine Familie gebaut, hatte dafür natürlich Kredite aufnehmen müssen, und dann hatte er diesen Unfall gehabt. Er verlor seine Gesundheit und ein Bein, er verlor seine Arbeit, und er verlor das Haus an einen reichen Anwalt aus Sarajevo, der mit dem Haus auch die Schulden übernahm. Er ließ die früheren Eigentümer gegen Mietzahlungen weiter dort wohnen und wollte das Haus erst in späteren Jahren als Alterswohnsitz nutzen. Dann aber war seine Frau an MS erkrankt, sie brauchte die Ärzte und die Behandlungen in der Stadt, und der Anwalt erklärte, dass er das Haus verkaufen würde. Vlada hatte ihn händeringend gebeten, es nicht zu tun. Sie war damals fast mit ihrer Ausbildung zur  Krankenpflegerin fertig gewesen, hatte versprochen, nach bestandener Abschlussprüfung ins Ausland zu gehen und dort mehr zu verdienen, um – wenn verlangt - auch eine deutlich höhere Miete bezahlen zu können. Das war vor fast drei Jahren gewesen. In ihrem jugendlichen Optimismus hatte sie damals heimlich gehofft, mit der Zeit vielleicht sogar soviel ersparen zu können, um das Haus einmal selber zurückzukaufen. Diesen Traum hatte sie sehr schnell aufgeben müssen, doch sie schaffte immerhin die monatlichen Überweisungen an die Eltern und glaubte diese für längere Zeit gut aufgehoben. Vor Kurzem aber hatte der Anwalt wieder Verkaufsabsichten geäußert und auch schon konkret von einem Interessenten gesprochen. Vlada wusste nicht, ob er noch mehr Mietgeld aus ihr herauspressen oder tatsächlich verkaufen wollte, und diese Unsicherheit bedrückte sie Tag und Nacht.

 

            Es war fast Mitternacht, als Vlada endlich in ihre winzige Mietwohnung schlüpfte. Sie stellte schnell Milch und Butter in den Eiskasten, leerte den restlichen Inhalt der Tasche auf den Küchentisch, zum Glück zerbrach kein Ei, und fiel ins Bett. Morgen hatte ihr Lokal Ruhetag, sie würde früher heimkommen und endlich einmal Ordnung mac hen.

 

Es war doch wieder Abend geworden, als sie einen Tag später endlich die Wohnungstür von innen abschloss und den strömenden Regen hinaus sperrte. Endlich Ruhe. Sie machte Tee und mit der Tasse in der Hand sank sie auf einen Hocker neben dem winzigen Küchentisch. Da lagen noch einige halbwegs zerknüllte Rechnungszettel, die sich in den letzten Tagen hier angesammelt hatten. Es war ihr Gewohnheit, alle nochmals zu kontrollieren, bevor sie sie endgültig in den Mistkübel warf. Ein sorgsam gefalteter Zettel war ihr fremd. Sie strich ihn glatt. Ein Lottoschein. Wie kam der auf ihren Tisch? Sie hielt alle für verrückt, die Lotto spielten. Rausgeworfenes Geld. Aber - vielleicht war das ein Omen? Wollte irgendein gutes Geistchen sie dazu auffordern, ihr Glück einmal zu versuchen? Sie würde Besim fragen, und er würde sie auslachen. Er stammte aus ihrer Gegend, war schon 1992 als Flüchtling nach Wien gekommen und geblieben. Seit vielen Jahren arbeitete er in einer Trafik und kannte sich garantiert auch mit Lotto aus. Mit einem leisen Lächeln faltete sie den Schein wieder und steckte ihn in die Geldbörse.

 

            Am nächsten Morgen begann sie ihre übliche Arbeitsrunde. Sie hatte eine Liste mit Namen alter Menschen, die sie betreute, denen sie Medikamente herrichtete, denen sie beim Duschen und Ankleiden half, und denen sie wichtige Dinge besorgte. Dazu gehörten sicher keine Zigaretten, doch wenn Frau Haller sie manchmal bat, ihr doch auch eine Packung Marlboro Gold mitzubringen, weil ihr Sohn zu Besuch kommen wollte, dann tat sie das natürlich. Und um genau diesen Gefallen bat sie die alte Dame auch heute. Vlada ging in die Trafik, und als sie die zehn Euro für die Zigaretten aus der Börse nahm, sah sie wieder den Lottoschein. Warum warten, bis sie Besim wieder einmal sah, warum sich keinen Spaß erlauben und mit unschuldiger Miene nicht gleich hier fragen, ob sie vielleicht etwas gewonnen hatte? Sie nahm den Zettel und hielt ihn dem Verkäufer hin. Der griff ungehalten danach. „Was soll ich damit?“ Nein, mit diesem Menschen konnte man nicht scherzen. „Ach“, sagte sie darum beiläufig. „Der gehört nicht mir. Ich soll ihn nur kontrollieren lassen“. „Hm, gehört einem von Ihren Alten? Sind zu gaga, um selber nachzuschauen? Und Sie könnens auch nicht?“ Sie zuckte die Schultern und beobachtete ihn, während er einen unwilligen Blick au den Zettel warf.  Sie hatte gelernt, in Gesichtern zu lesen. Vor allem in der ersten Zeit in Wien, als sie noch kaum Deutsch konnte, hatte sie manchmal Verständigungsschwierigkeiten überbrücken können, weil sie Gefühlsregungen richtig interpretierte. Im Mienenspiel der Menschen hatte sie Überraschung, Ablehnung, Mitleid, Sympathie, unterdrückten Ärger unterscheiden gelernt, auch wenn ihr Gegenüber die Empfindungen nicht preisgeben wollte. Dieser Mann hier war total überrascht und versuchte, das zu verbergen. Doch seine Augen waren schmal geworden, seine Nasenflügel bebten leicht, die Lippen pressten sich  kurz fest zusammen.  Er bekam sich unglaublich schnell wieder in den Griff und sah Vlada an. „Den kann man wegschmeißen“, sagte er und versuchte, es bedeutungslos klingen zu lassen, aber sie merkte, dass seine Stimme leicht zitterte. „Nein, nein“, rief sie heftig. „Ich muss ihn doch zurückbringen!“ „Wozu denn, der ist nur noch für den Papierkorb!“ Er klang jetzt leicht aggressiv. Sie spürte, dass der Schein wichtig war, und sie wusste auch, dass er ihn nicht mehr aus der Hand lassen würde. „So geben Sie ihr doch den Zettel, wenn sie ihn jemandem zurückbringen soll!“ Die tiefe, leicht nasale Stimme ließ Vlada herumfahren, und auch der Verkäufer blickte auf und versuchte ein leicht gequältes Lächeln. „Ah Herr Hofrat, ich habe Sie gar nicht hereinkommen sehen!“ „Die Tür war offen, und Sie waren ja sehr beschäftigt“, sagte der elegante ältere Herr. „Also bitte, den Schein!“ Vladas Stimme klang jetzt selbstsicher. Sie wusste, dass sie unverhofft Unterstützung bekommen hatte, und das wusste auch der Trafikant. Er sah sie nicht an, als er ihr den Lottoschein aushändigte.

 

            Am Abend rief sie den alten Besim an, und eine halbe Stunde später saß er bei ihr am Tisch, ließ seinen Blick zwischen dem Schein und seinem Handy hin- und hergleiten, schüttelte dann ungläubig seinen Kopf. „Wies aussieht, bist du ein reiches Mädchen! Aber sag, seit wann spielst du Lotto??“ Sie sah ihn n, mit hundert Fragen in ihrem Blick. „Nein, tu ich gar nicht….“. Sie erzählte ihm, wie sie zu dem Schein gekommen war. Ohne Absicht. Zufällig. Als ob er sich ihr hatte aufdrängen wollen, von ihr mitgenommen werden wollen, ohne seine Herkunft preiszugeben. „Es ist ein Sechser“, murmelte Besim schließlich, „und der ist mehr als eine Million wert.“

 

 

 

Eine solche Nacht hatte Vlada noch nie gehabt. Hoffen und Zweifeln, Träumen und Verzagen bildeten ein Gefühlskaleidoskop in ihrem Kopf, das sie keine Minute Schlaf und Ruhe finden ließ. Am nächsten Tag half ihr Besim, alle notwendigen Schritte zu unternehmen. Am Nachmittag war sie des Gewinnes sicher, am Abend telefonierte sie lange mit dem Hausbesitzer in Bosnien. Um den Preis nicht in die Höhe zu treiben sagte sie ihm nicht, wie viel Geld sie zur Verfügung hatte und woher es kam. Sollte er denken, was er wollte. Erst als sie am nächsten Tag sein verbindliches Kaufanbot ausgedruckt in Händen hielt, rief sie ihre Eltern an und erzählte ihnen alles. „Wie gibts das“, fragte ihre Mutter schluchzend,  „wie kann jemand ein Los mit Gewinnzahlen wegwerfen?“  Das konnte auch Vlada nicht beantworten. Sie konnte nicht wissen, dass eine unaufmerksame Angestellte einer Trafik statt einer 26 in der Eile die Zahl 28 eingetippt hatte. Und damit indirekt bewirkt hatte, dass Vladas Eltern nie mehr Angst haben mussten, aus ihrem Haus vertrieben zu werden.