Gerhard Ruiss, Schriftsetzer, Schriftsteller, Musiker, Literaturfunktionär. Seine Werke sind mehrfach ausgezeichnet. Seit 1979 ist er Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren, 1982 übernahm er die Funktion des Geschäftsführers. 1998 wurde er Mitglied der österreichischen UNESCO-Kommission. Zudem ist er Gründungsmitglied des Unabhängigen Literaturhauses Niederösterreich. Gerhard Ruiss setzte sich als Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren über Jahrzehnte für verschiedenste Anliegen dieser Berufsgruppe wie etwa die Künstlersozialversicherung ein. Er ist Sprecher der österreichischen Initiative „Kunst hat Recht“, die sich für die vergütete Nutzung kreativer Werke auch in digitalen Medien einsetzt. Im Zusammenhang mit diesem berufspolitischen Engagement bekam er von der österreichischen Netz-Community den als Satire verstandenen „Wolfgang Lorenz Gedenkpreis für internetfreie Minuten“ verliehen

 

Wir arbeiten eingebunden in die internationalen Autorennetzwerke und beteiligen uns an allen Aktionen, zu denen wir eingeladen werden und regen auch zu solchen internationalen Aktionen von Österreich aus an. Wenn wir mehr erreichen wollen, müssen wir enger zusammenarbeiten und massiver werden. Wir handeln sehr stark anlassgebunden und haben in der systematischen Unterstützung große Schwächen. Viel wichtiger als der Aufschrei ist aber, was nach dem Aufschrei erfolgt, die viele nicht bedankte, ungesehene Arbeit gegen das Vergessen, gegen das Übergehen zum alltäglichen Geschehen. Wir müssen umfassend und dauerhaft verhindern, dass es eine Rechtfertigung zur Verfolgung und Ermordung von Autor/inn/en wegen ihrer schriftstellerischen Arbeit und Äußerungen gibt. Das ist eine gewaltige Aufgabe, aber niemand wird sie uns abnehmen.

 

 

Wie würden Sie die Beziehung einer/s Schriftsteller/in/s zu ihrer/seiner Sprache verstehen?

 

 

 

Aus Sprachen kommt man, in Sprachen lebt man, denkt, schreibt, redet und träumt man. Sie sind Herkunft, Gegenwart, Zukunft und Umgebung, Begegnung, Verständigung, Transportmittel, Inhalt, Gestaltung und Entwicklung. Für Schriftsteller/innen sind sie es in einer nie genügenden und nie zu Ende ausgedrückten Form. Die Beziehungen von Autor/inn/en zu Sprachen sind intensiver, intimer, fordernder und emotionaler als für alle anderen. Autor/inn/en geben Texte vor, sie holen sie sich nicht ab. Sie entwickeln und vermitteln mit Formulierungen Welt und Leben, was passiert, wenn es um Leben und Tod, Hass und Liebe geht. Sie machen es nicht, um, wie Politiker/innen, Handlungen zu begründen, sie beschäftigen sich mit ihren Themen direkt und ohne Funktionalisierung. Und schließlich und endlich geht es für Schriftsteller/innen immer auch darum, zu einer eigenen Sprache zu finden, das ist es letztlich, was eine/n Schriftteller/in auszeichnet.

 

 

 

Sie führen eine literarische Organisation. Was sind Ihre Beobachtungen bezüglich des Beibehaltens der Muttersprache und/oder des Wechsels zur Sprache des Gastlandes?

 

 

 

Die einen behalten ihre Muttersprache im literarischen Arbeiten bei und arbeiten mit Übersetzer/inne/n, die anderen wechseln die Sprache, eine dritte Gruppe hat erst in der Gastlandsprache zu schreiben begonnen. Es gibt auch Autor/inn/en, die in der Gastlandsprache schreiben und sich in die Muttersprache übersetzen lassen. Unter denen, die mit Übersetzer/inne/n arbeiten, gibt es einige, für die die Übersetzer/innen Hilfesteller/innen für die Originalausgabe in der Gastlandsprache sind. Sprachenwechsler/innen in der Literatur verdienen größten Respekt. Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, als erwachsene/r Autor/in von einer Sprache in die andere zu wechseln und vielleicht auch noch in einer Herkunftssprache genauso wie in einer Gastlandsprache schreiben zu können.

 

 

 

Augenscheinlich ist Österreich ein monolinguales Land. Aber dieses Land hat schon auch mehr als nur eine offizielle, anerkannte Sprache. Ist die, in diesen ebenfalls offiziellen Sprachen geschriebene Literatur,  auch als ein Teil der österreichischen Literatur berücksichtigt?

 

 

 

Man muss das auch alles von der Landesgröße her sehen. Österreich ist nicht größer als Bayern. Und zugleich ist Österreich in den deutschen Sprachraum und in den – von seiner Wirtschaftsleistung her – weltweit zweitgrößten Buch-, Zeitschriften- und Zeitungsmarkt eingebunden. Es gibt die gesetzlich anerkannten Minderheiten-Sprachen, in denen in Österreich geschrieben und publiziert wird. Das geschieht genauso kleinteilig wie sonst im österreichischen Verlagswesen, und das Publikum dafür befindet sich zum größeren Teil außerhalb Österreichs und in dem Fall auch außerhalb Deutschlands. Es kommt noch dazu, dass es sich um kleine europäische Sprachen handelt, die nicht wie etwa in der Schweiz mit der Anbindung an größere Sprachräume rechnen können. Aus dem Grund gibt es auch muttersprachliche Autor/inn/en aus kleineren europäischen Sprachen, die in den größeren europäischen bzw. Welt-Sprachen wie vor allem in Englisch, Französisch oder auch Deutsch als literarischer Erstsprache schreiben.

 

 

 

Wie wichtig ist die Integration einer/s Schriftsteller/in/s in den literarischen Markt des Gastlandes? Wäre dies auch bei Fortsetzung des Schreibens in den jeweiligen Sprachen des Herkunftslandes möglich?

 

 

 

Man kann natürlich auch Erfolg haben, wenn man in einer anderen Sprache als der Sprache des Landes, in dem man lebt, schreibt. Man erscheint dann eben in Übersetzungen. Es wird aber nicht so leicht möglich sein, sich selbst zu präsentieren. Man bleibt exotisch. Man bleibt jemand aus einer anderen Welt. Man kann dafür bewundert werden oder man wird übersehen, je nach dem, ob das eine Welt ist, die für die Welt, in der man lebt, interessant ist oder nicht. Die Neugier auf Texte von Autoren, die von woanders kommen und ihr früheres Leben in ihr neues Leben mitnehmen, ist meist größer als an Autoren, die mit ihren Texten dort bleiben, von wo sie gekommen sind und als Autor/inn/en aus diesen Ländern wahrgenommen werden.

 

 

 

Welche Bemühungen sind für die Integration der exilierten Schriftsteller/innen in Österreich – auf staatlicher oder nichtstaatlicher Ebene – getätigt worden? Sind Sie zufrieden mit der Intensität dieser Bemühungen – und wie könnte man diesen Prozess noch verbessern?

 

 

 

Alle diesbezüglichen Initiativen sind von Autor/inn/en und Autorenorganisationen ausgegangen und werden auch von ihnen betreut. Das Writers-in-Exile-Projekt der IG Autorinnen Autoren und der IG Übersetzerinnen Übersetzer, das City of Refugees-Projekt in Graz in Zusammenarbeit mit dem internationalen PEN oder die Exil-Literaturpreise und die Edition Exil im Wiener Amerlinghaus. Die öffentliche Hand unterstützt diese Projekte, entwickelt und durchgeführt werden sie aber von Autor/inn/en und Autorenvereinigungen. In diesen Projekten steckt nicht nur bezahlte Arbeitszeit, sondern noch viel mehr unbezahlte Lebenszeit. Wir tun, was wir können, aber das ist natürlich bei weitem nicht genug. Vor allem scheitern wir zunehmend an der Visa-Bürokratie. Will man beispielsweise jemanden als Writer in Residence aus einem Nicht-EU-Staat ins Land holen, ist das immer nur für Kurzaufenthalte möglich, die für Writer-in-Residence-Programme völlig unüblich sind, will man jemanden für einen Auftritt gewinnen, scheitert das nur allzu oft an den rigiden Reise- und Aufenthaltsbestimmungen, obwohl man angeblich eine Vorzugsbehandlung von Künstler/inne/n bei den Reisebestimmungen anstrebt. Beides gehört dringend geändert, Künstler/innen müssen das Recht ihrer ungehinderten Berufsausübung haben. Schön wäre auch als Nahziel, würde sich in jeder Landeshauptstadt eine City of Refugees-Anlauf- und Betreuungsstelle für verfolgte Autor/inn/en einrichten lassen. Aber vor allem sollten wir viel mehr Unterstützung in unserem Eintreten gegen die Verfolgung von Autor/inn/en bekommen.

 

 

 

Es gibt einen generellen Eindruck, dass bei Achtung und Aufnahme fremder Literaturen, die literarischen Organisationen und Magazine sich mehr und mehr euro-zentristisch orientieren. Ist das wahr? Und wenn es so ist – wie könnte man sie überzeugen ihren Horizont zu erweitern und auch die ungehörten Stimmen der sich entwickelnden Regionen dieser Welt mitzunehmen?

 

 

 

Diese Frage ist nicht von der Entwicklung im Allgemeinen zu trennen. Wir haben es mit einem neuen Nationalismus in Europa und in den USA zu tun, in den beiden Kontinenten also, die in den letzten Jahrzehnten für Internationalität und Freiheit gestanden sind. Jetzt ziehen sich zahlreiche Staaten in Europa und die USA auf ihre nationale Geschichte, ihre nationalen Kulturen und auf ihre nationale Bedeutung zurück. Es gibt zahlreiche Gegenanstrengungen von Autor/inn/en, Veranstaltern, Zeitschriften und Verlagen, diesen Nationalisierungen entgegenzuwirken, aber die reichen natürlich nicht, wenn es kein allgemeines öffentliches Interesse daran gibt. Wir versuchen jede Gelegenheit zu nützen, aber es bringt sehr viel Aufwand mit sich, auch nur ein Projekt umzusetzen, und noch viel mehr, würde man daraus ein Programm machen. Diese Kapazitäten haben wir einfach nicht. Zwei Beispiele aus meinem eigenen Erfahrungshorizont. Wir machen gerade, Thomas Pöltl, Kurt Leutgeb und ich, für das Österreichische Autorenfußballteam, eine internationale mehrsprachige Anthologie, sehr teuer, sehr aufwendig und mit einer jahrelangen Vorgeschichte. Wir haben es trotz größter Anstrengung nicht geschafft, weiter als über die EU-Grenzen hinaus zu kommen und wenigsten auch Israel und die Türkei einzubinden. Mehr haben wir finanziell und organisatorisch nicht geschafft. Es hat auch keinen Sinn, eine afrikanische Fußball-Länderauswahl nach Österreich einzuladen, wenn dann die halbe Mannschaft kein Einreisevisum bekommt und damit der Austausch nicht stattfinden kann. Zum anderen schaffe ich es auch dort nicht, wo es einen einigermaßen systematischen Autorenaustausch gibt, wenigstens einmal ein literarisches Produkt zustande zu bringen. Ich habe wiederholt die Herausgabe einer zweisprachigen chinesisch-österreichischen Anthologie mit Gegenwartsautor/inn/en vorgeschlagen, die auch eine freundliche Zustimmung erfahren hat, allein, herausgekommen ist dabei bis jetzt nichts. Was wir machen können, ist, wir versuchen beim jährlichen Writers in Prison Day oder bei anderen Gelegenheiten die Texte von verfolgten Autor/inn/en aus gerade diesen Länden bei Veranstaltungen vorzustellen. Auch bei Buchmessen.

 

 

 

Die IG Autorinnen Autoren unterstützt in Zusammenarbeit mit der IG Übersetzerinnen Übersetzer verfolgte und exilierte Schriftsteller/innen aus verschiedenen Teilen der Welt. Sie sind primär eine nationale literarische Organisation. Wie sind die Ideen ihrer Organisation in Zusammenhang zu solchen Projekten?

 

 

 

Wir arbeiten eingebunden in die internationalen Autorennetzwerke und beteiligen uns an allen Aktionen, zu denen wir eingeladen werden und regen auch zu solchen internationalen Aktionen von Österreich aus an. Wenn wir mehr erreichen wollen, müssen wir enger zusammenarbeiten und massiver werden. Wir handeln sehr stark anlassgebunden und haben in der systematischen Unterstützung große Schwächen. Viel wichtiger als der Aufschrei ist aber, was nach dem Aufschrei erfolgt, die viele nicht bedankte, ungesehene Arbeit gegen das Vergessen, gegen das Übergehen zum alltäglichen Geschehen. Wir müssen umfassend und dauerhaft verhindern, dass es eine Rechtfertigung zur Verfolgung und Ermordung von Autor/inn/en wegen ihrer schriftstellerischen Arbeit und Äußerungen gibt. Das ist eine gewaltige Aufgabe, aber niemand wird sie uns abnehmen.

 

 

Dieses Interview wurde von Aftab Husain geführt.