FÜR  DAS  LEBEN  POLYPHONISCH  EINMALIG

 

(Dušan Savić „Među živima“, Zavod za udžbenike i nastavna sredstva, Istočno Novo Sarajevo, Bosnien ung Herzegowina, 2015)

 

 

 

Der Roman von Dušan Savić  INTER VIVOS

 

 

 

Der Roman des Dušan Savić MEĐU ŽIVIMA (Inter Vivos) ist der fünfte Buch- titel und das vierte Prosawerk dieses Schriftstellers. Bevor er mit der Lieder- sammlung KAMENJE GOVORI (Die Steine reden 2006) auf der Literaturbühne auftrat, erprobte sich Herr Savić sukzessiv und stimulativ in mehreren Kunst- disziplinen. Auf diesem Weg hinterließ er Spuren als Gitarrist, Bildhauer und besonders als Filmemacher. Gerade in diesem multidisziplinären Bereich, auf dieser mehrseitigen und langen Suche nach sich selbst, bzw. nach dem opti- malen Medium der eigenen kreativen Expression, findet sich der Grund der schriftstellerischen Verspätung von Herrn Savić. Diese Verspätung wurde be- sonders im qualitativen Bereich in seinem neuesten Buch kompensiert.

 

Schon in seinem ersten Prosaroman des Hybriden, evokativ-dokumentatorischen erzählerischen Genres SEDLO - Banja Luka u koferu uspomena (Sattel - Banja Luka im Koffer der Erinnerungen 2007) konnte man seine authentische schrift- stellerische Richtung klar erkennen. Danach verfasste er in einem wesentlich schnelleren Tempo drei Romane – BEČKI TOČAK („Wiener Rad“ 2009), PORAJMOS („Porajmos“ 2013) und erst in der letzten Saison den jetzt be- sprochenen – zeigt Herr Dušan Savić noch einmal seinen schon erwiesenes erzählerisches Talent, antwortet auf seinen literarischen Impuls „die Seele möge sich in das Wort einbetten“. Der Lyriker Đorđe Sladoje nennt den Sinn seiner Kritik als „ die identifizierten Sehnsüchte, die das Lied erschaffen“. Nur, im Falle des Herrn Savić ist der Mittelpunkt seiner schaffenden Obsession in einem anderen Literaturfeld situiert.

 

Alle drei Romane des Herrn Savić stehen in einer besonderen Verbindung zur Bedeutung, die zwei neueren ähneln sich thematisch. Im Roman BEČKI TOČAK (Wiener Rad) autobiographischen Charakters, wurde die Erfahrung des Lebens im Exil dargestellt. Das begründet sich in einem geschichtlichen Skan- dal. Die romanesken Geschehnisse im PORAJMOS und im Roman MEĐU ŽIVIMA (Inter Vivos) wurden erstens durch die Kriegsereignisse, um den Zerfall Jugoslawiens am Ende des letzten Jahrhunderts und zweitens durch den Zusammenbruch der Welt in der Hälfte des gleichen Jahrhunderts, gekenn- zeichnet. Gerade das ist das allgemeine Thema des gemeinsamen erzählerischen Unterfangens, das Phänomen des Bösen in der Geschichte für sich und sein Einfluss auf das Leben und das Schicksal der Individuen, sowie der ganzen Völker auf dem Balkan und dem übrigen Europa.

 

Schon im PORAJMOS fokussiert sich dieses Thema auf die Erscheinung des Holocaust gegenüber Juden, Serben und Roma in der bosnischen Heimat des Schriftstellers am Anfang des Zweiten Weltkrieges. Bosnien wurde damals der nazistischen NDH angeschlossen. In der Folge entwickeln sich drei erzähleri- sche Richtungen welche mit diesem Holocaust verbunden waren. Die Begründ- ung dieser Thematik des Herrn Savić wurde durch die humane Aktion und die Akteure der zerstörerischen  nationalistischen Strömung, ausgeweitet. In seinem neuen Roman MEĐU ŽIVIMA (Inter Vivos) wird das Thema noch gezielter bearbeitet und zwar, hinsichtlich des Leidens der jugoslawischen Juden, ihr Schicksal im zweiten Weltkrieg, aber auch noch viel später. Der Standpunkt des Autors verändert sich, wie man auch in der Rezension lesen kann, bis auf die entsprechende Lösung im PORAJMOS. Im neuen Roman des Herrn Savić reihen sich unzählige Bilder des Ustascha-nazistischen Holocaust betreffend der Juden zwischen Zagreb, Belgrad, Subotica, Novi Sad und Sarajewo, aneinander. Sogar im Konzentrationslager Jasenovac und Auschwitz. Im Mittelpunkt seiner erzählerischen Aufmerksamkeit steht nicht das Leiden an sich sondern die Be- ziehung der Überlebenden zu ihm, zum Leben und zu sich selbst. Dieses Leiden wurde durch die Erfahrung der Kriegstraumata hervorgerufen, vor allem wegen derer die den Genozid überlebt haben.

 

Da die Juden, das alte Volk, von vielen Verfolgungen und Holocausts betroffen wurden, verflechten sich ihre Geschichte und religiöse Erfahrung im hohen Maß miteinander. Auf diese Art und Weise bildete sich eine spezifische Lebens- philosophie verschiedener Kodexes und praktischer Lebensweisheiten. In sei- nem neusten Roman blickt Herr Savić nicht nur im Reichtum des geistigen Erbes der Juden sondern lernt auch viel über ihre wesentlichsten Werte. Dieses Wissen verwendet er als Mittel in der Darstellung der Lebenshaltung der Haupt- akteure im Roman, sowie über Beschreibung ihrer Sichtweise auf die Welt in verschiedenen existenziellen, bzw. erzählerischen Situationen. Das Judentum, ein Volk dass große Schuld trägt, gezeichnet durch das Leiden und jahrelanger Ausgrenzung verspürt kein tragisches Gefühl gegenüber dem Leben selbst. Sein existenzieller Überlebensdrang hat es durch Lebensweisheit davor bewahrt, den Weg der ausschließlichen Existenz zu gehen.

 

Die leidvolle Vergangenheit laut der jüdischen Geschichte und der Lebens- erfahrung kann und darf nicht vergessen  werden – nicht nur damit sie nicht wiederholt wird – sondern vor allem deshalb um das Leben durch den Lebens- willen, das Glück, der Freude und Zufriedenheit, zu verankern. Gegenüber dem Leiden, der Sinnlosigkeit und der Sein frage werden alle Kapitel des Herrn Savić von der Idee der Bestärkung eines vollen, durchdachten Lebens geleitet. Diese soll als Lebensweisheit mehrerer Romanakteure die durch Trauma und Verlust verletzt wurden, ihr persönliches Leben kennzeichnen. Diese Beziehung zum Leben kann man am besten aus der rebellischen Reaktion des Isak Baruh, genannt Sima, dem Hauptakteur der Erzählung erkennen: “Was ist das für ein Leben ohne geringste Menschenfreude, ein Leben der Enge die dich wie Vieh behandelt und mit voller Wucht antreibt“. Den komplementären Ton des Inhaltes zeigen auch die Wörter der Heldin des Kapitels „Gott zählt die Tränen“ gerichtet an eine Freundin, die der Meinung ist, dass sie durch eigene Schuld den Sohn verloren hat: „Meine liebe Eta, ich weiß, du bist das Opfer einer unfassbaren Tragödie, aber glaub mir, in deiner Trauer bist du nicht allein. Wir sind unter Lebenden und wir müssen weiter machen, sonst verliert man den Sinn und wir würden umsonst leben“.

 

MEĐU ŽIVIMA (Inter Vivos) ist ein Roman von losem Mosaikgefüge, man könnte sagen handlungsbedingt. Dem größten Prosagenre nähert sich dieses Buch des Herrn Savić der Tatsache, dass das Auftreten der gleichen Akteure in signifikant verschiedener Relation in zwei oder mehreren Kapiteln/Erzählungen ist. Beziehungsweise, es handelt sich um Bekanntschaften unter den Akteuren welche inhaltlich nicht hervorgehoben wurden. Auf der anderen Seite beschert uns die Vielzahl verschiedener einzelner Schicksale, die gemeinsam verschiede- nen Lebensschwierigkeiten durchleben, was sich gleichzeitig als gemeinsames Schicksal einer Nationsgemeinschaft zeigt.  Das, ebenso wie die Boshaftigkeit einer Ideologie und Entsetzen über einen geschichtlichen Moment. Gleichzeitig aber, auch eine polyphonische, einheitliche Haltung zum Leben und zum Tod.

 

Es ist mehr als wahrscheinlich, dass hinter jeder Erzählung/ jedem Kapitel dieses Buches eine Form des Mythos oder Dokumentation steht, welche der Schriftsteller als Baumaterial verwendet. Mit den Worten einer bekannten Redewendung: „Romane schreibt das Leben selbst“, zeigt man, dass das Leben selbst die Essenz von Mehrfach gestalteten Situationen ist. Sehr oft, aber haben wir die Tatsache, dass in einer Erzählung beschriebene echte Lebensgeschichten zur literarischen Lüge werden. Wir wissen auch warum. Der Roman MEĐU ŽIVIMA (Inter Vivos) von Dušan Savić ist weit entfernt von so einer Gefahr.

 

Damit möchte ich folgendes sagen: im folgenden Typus der Prosen aussage  ist die gestalterische Fantasie in ihrer Grundessenz nicht überfordert. Das Ent- scheidende für die literarische Wahrheit hängt in diesem Fall von der Empathie, Intention und der Sprache ab. Die erzählerische Sprache des Herrn Savić ist klar, präzise, die literarische Standardsprache eines dynamischen, zeitgenössischen Sprachstils. Attraktivität, Aufregung und rare Suggestion neben Diversität von Lebensschicksalen zeichnen den Autor durch außergewöhnliche erzählerische Empathie aus und verstärken die Charaktereigenschaften, Lebenseinstellungen und Taten einiger Helden nachhaltig. In diesem Buch sind einige Momente vorhanden in den sich gerade diese erzählerische Fantasie und das Einleben in die erzählerische Situation, ins innere Leben der Akteure, kräftig und geglückt miteinander verweben. Das ist der Fall in den Kapiteln: „Karlan Jozika“ und „Gott zählt die Tränen“. Im ersten davon mischen sich zwei kreative Kompo- nenten vor allem in der Bühnengestaltung des imaginären Dialogs des Haupt- akteurs mit seinem Vater und im folgenden  zeigt  sich erzählerisch hell die Wahrheit des Paradoxen, dass das Glück manchmal schwerer zu ertragen ist als das Unglück.

 

Der neue Roman des Herrn Dušan Savić bestätigt erneut durch seine sugge- stiven erzählerischen Effekte, dass sich die obsessiven Versuche  und evidente literarischen Errungenschaften des Schriftstellers um die Achse der Moralität und der Güte gegenüber dem alltäglichen und allgegenwärtigen geschichtlichen Bösen, umschlingen. In dieser Tatsache widerspiegelt sich das diskrete aber stabile humane Engagement dieses Schriftstellers.

 

 

 

Marko Paovica

 

Literaturkritiker