„Wir, bewegende Steine“ bewegen

 

 

 

 

Eva de Jonge

 

 

 

 

Das vorliegende Druckwerk ist das erste Buch der Plattform „literatur*grenzenlos“, ein 160 Seiten starkes Konglomerat intensiver Gefühlseindrücke, Statements und Reportagen. Eine Herausforderung für die Leser. Jede/r der 33 AutorInnen hat ihr/sein Bestes gegeben. Für die LeserIn ein ständiger Wechsel der verschiedenen Formen des individuellen Ausdrucks. Nicht nur Lyrik und Prosa, jede/r hat auch seinen eigenen Stil. Einige Beiträge liegen dabei in deutschsprachiger Übersetzung vor.

 

Die Themen: Migration und das Leben im fremden Land sowie das Zwischenspiel zwischen den verschiedenen Kulturen und deren Eigenheiten in vielen verschiedenen Interpretationen. Die Hoffnung, die Traurigkeit, die Einsamkeit, der Mut und dann auch wieder die Größe und nicht zuletzt - der Humor!

 

Manches berührt tief, sodass das Gefühl aufkommt, den eigenen Gedanken und Gefühlen wurde Ausdruck verliehen. Anderes lässt in eine Welt eintauchen, die fremd ist, die erschreckt und nachdenklich zurücklässt.

 

Wie wertvoll und spannend es ist, wenn verschiedene AutorInnen ihr mit intensiven Emotionen Geschriebenes gemeinsam mitteilen, wird durch diese Lektüre bewusst. Es handelt sich hier um LiteratInnen, die zum Teil schon einiges veröffentlicht haben, für die Schreiben ein Teil ihres Lebens ist. Authentisch wird dargestellt, was gedacht und gefühlt wird, was erlebt wurde oder was erzählt werden will oder muss.

 

Hier ein kleiner, absolut willkürlicher Abriss der Beiträge, die zu zahlreich sind, um sie einzeln zu rezensieren:

 

‚Der Stufenschläfer‘von Sieglind Demus hilft eine tragische Begebenheit von nächster Perspektive zu sehen, sodass es kalt wird und einsam. ‚Hinter dem Stacheldraht‘ von Rita Santoro Falsone erinnert an Aktuelles aus der Tagespolitik, wie traurig es in unserem Land - obwohl zeitlos - ist. ‚Exil‘ von Ishraga Mustafa Hamid sind poetische Texte aus ihrem Gedichtband ‚Das Weibliche der Flöte‘. ‚Theodizee Abrahams‘ von Edgar Hättich bezieht sich auf die blutrünstige Welt des Alten Testaments mit der göttlichen Anstiftung zum Kindsmord. ‚Bahnblues‘ von  C. H. Huber beschreibt zwei Illegale im Zug. ‚Bisweilen‘ von Aftab Husein erinnert daran, dass man bisweilen sein Leben wagen muss, um etwas Zeit zu retten. ‘Klingeln in meinem Kopf‘ von Philo Ikonya fordert: „Gestatte den Frauen gemäß ihren Liedern zu tanzen, sie haben genug geweint!“ Jadranka Klabukar-Gros beobachtet in ‚Straßen, Zäune‘: „Es sind keine Straßen, sondern Zäune, steinerne Raine, die Wiesen voneinander trennen.“ Mark Allen Klenk bietet mit ‚Freiheitskaufladen‘ Grenzmodelle, „Choose your own borders-Modell, besonders geeignet für EU Bürger“. Hazir Mehmeti beschreibt in ‚Der Ermittlungsbeamte‘ eine heikle Situation: „Alle sahen zu dem Aufgerufenen hin, der sich zur geöffneten Tür bewegte.“ Helga Neumayer wirft mit ‚Noch10 Minuten im Paradies‘ den schrägsten Blick auf Wiens kulturgemixte Stadtkultur und im Beitrag „Roderich, Buddha und Stein“ auf eine Buddha-Figur, die sich in der Donau verliert. Christine Tidl nimmt im Gedicht `Aleppo‘ mit auf die Reise: „Ich war dort/als sie strahlten/in Farben der Malven,/granatapfelpink.“ Johannes Tosin lässt mit ‚Jusef aus Syrien‘ Ironie spielen: „Oh Jessas, Jusef schuplattelt schon wieder. Er bemüht sich ja sehr, aber trotzdem ist er irgendwie überintegriert.“ Und Besim Xhelili offeriert im Gedicht ‚Die Teile der Seele‘: „Wenn das Töten beginnt/ verstecke dich in meiner Umarmung,/...“.

 

Wer das Buch in Händen hält, sollte zunächst zu Seite 161 blättern und die Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren studieren, um zu sehen, welch faszinierende und absolut verschiedene Menschen daran beteiligt waren. Das Lesen des Buches wird dadurch noch spannender und zeigt uns, wie das Leben in multikultureller Gemeinsamkeit unendlich inspirierend sein kann.