Dr. Helga Neumayer (Österreich) studierte Ethnologie an der Universität Wien. Sie arbeitete eineinhalb Jahrzehnte als Redakteurin und Journalistin und lebt heute als Autorin, Schreibtrainerin und mehrsprachige Radiomacherin in Wien und Kritzendorf a/d Donau.

 

Deutsch

 

ERINNERUNGEN EINES HEIDENKINDES  AN DEN PFARRER SEINER  KINDHEIT

 

 

 

Woher er kam - wer kann das heute sagen? Ich könnte im Kirchenregister forschen, in Taufregistern nachschlagen. Internet? Offen gesagt fehlt mir dazu die Geduld, das Interesse. Besser gleich Phantasie spielen lassen.

 

Wenn du Kurz heißt, so wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit aus einer deutschsprachigen Gegend stammen müssen. Wenn dein Vorname Silvester ist, so wird es eine Umgebung mit einem gehörigen Schuss Tradition gewesen sein, die dir diesen Namen verpasst hat. Vielleicht wurdest du ins Großbäuerliche hineingeboren? Am Tag deines Namenspatrons, dem letzten Tag des Jahres? Der Primus warst du nicht, denn der wird sicher den Hof übernehmen haben müssen.   Eher irgendeiner zwischendrin, aber nicht der Sechste, denn den hätten sie eher Sixtus genannt. Sixtus Kurz. Dein Name aber war Silvester Kurz.

 

Bei sechs bis acht Kindern braucht man am Land eventuell einen Draht zur Kirche, vielleicht sogar zu Gott, also schickt man einen aus der Schar in die Klosterschule, ins Stift. „Zu den Pfaffen“, wie die Habenichtse im Ort verächtlich gesagt haben würden.

 

Er musste also zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgewachsen sein, hatte als Kind und junger Mann unbeschadet ersten und zweiten Weltkrieg überlebt, dazwischen als Pfarrer den klerikalen Austrofaschismus mitgemacht und er war im gesetzten  Alter zum  Pfarrer in den Vorort einer kleinen Industriestadt  mit Bischofssitz ob der Traisen bestellt worden. In den Wirtschaftswunderjahren. Mitten in der 2. Republik. War das damals ehrenvoll für einen Kirchentreuen? Pflegte Kurz hie und da an der barocken Tafel des Bischofs zu speisen? Oder war er eher dem Speiseplan seiner  Köchin treu ergeben? War sie ihm treu ergeben? Richtete sie ihm vor der Messe die Soutane, oder zu anderer Zeit auch mehr?

 

All das kann ich nicht wissen, denn niemand hat mit mir darüber gesprochen und ich habe niemanden um Auskunft gefragt. Du hörst im Lauf der Zeit diese und jene Geschichte über Kirchenleute, abstoßende und weniger abstoßende, alle paar Jahrzehnte auch etwas Heldenhaftes. Held war Kurz eher keiner.

 

Mit Sicherheit aber kann ich sagen, dass er in den 1960er Jahren als Religionslehrer in der gegenüberliegenden Volksschule katholischen Kindern Kirche und Gott näherbringen sollte. Ob er es gern tat? Was weiß ich. Ich war das Kind einer Familie mehrerer konfessionsloser Generationen aus der Arbeitersiedlung von „drüber dem Bahndamm“, dort spielten Kirche und Gott eine Nebenrolle, die niemals das Leuchten der Frühlingsblüten, das Klingeln des Eismannes im brütenden Sommer oder die vorbeirasende Westbahn mit Kirchenglockengebimmel überbot. Alles im immerwährenden Schwefelgestank der Textilfabrik am Flussufer. Damals wusste ich noch nicht, dass Schwefel auch eine Metapher für den Teufel sein sollte. In diesem Fall erinnere ich mich nicht, dass sich die Kirche gegen den Teufelsgestank auf die Beine gestellt hätte.

 

Einmal aber schnappte ich doch etwas von Kurzen´s Interpretation des  Universums auf: Es gäbe einen zweiten Vater, der im Himmel leben würde …

 

Aha, von dort könnte er sicher alles sehen, dachte ich am Schulweg und sprang über zwei  Pflastersteine hinweg, denn ich hatte mir vorgenommen, die dazwischenliegenden Steine als Feindesland zu betrachten, dort dürfte ich auf keinen Fall einen Schritt hineinwagen. Gelungen! Der Himmelsvater würde also meinen Erfolg sehen können …

 

Gott und Teufel, Sünde und Vergehen, Gebote und Verbote, ja Sakramente allgemein,  waren mir damals fremd. Keine Angst, den Hostienkörper des kleinen Jesulein zwischen den Zähnen zu zerkauen, kein Schuldgefühl störte den Frieden meiner  Welt, die damals aus einem riesigen Garten, sechs Obstbäumen, drei Geschwistern, drei Kusinen, Vater, Mutter, Großmutter, Großvater, Tanten und Onkeln und einer sie alle verbindenden Staubstraße bestand. Die einzige Herausforderung jener Zeit bestand in der Karotten-Erbsen-Suppe, die immer zu viel war, grauenhaft schmeckte und unter maternaler Aufsicht gänzlich aufgegessen werden musste.  Der 2. Weltkrieg war zwar schon fast zwei Jahrzehnte vorüber, aber den Leuten saßen noch die Hungerjahre im Gedächtnis und sie wollten runde Kinder, denen man drei warme Mahlzeiten  pro Tag ansehen sollte. Mahlzeiten, die mit Mehl und Fett gestreckt waren.

 

Dann war da auch noch die Umgebung. Kurzens Anhängerinnen. Auch sie, verfangen in einer Vorstellung vom Universum, die mir schon damals etwas zu einfach erschien.  Einmal – es gab ein gröberes Sommergewitter – war das Kreuz vom Kirchturm gefallen. Vermutlich saß es dort seit den 1930er Jahren, auf den Turm gesteckt in einer  Zeit, in der man Kirchen baute, um das unzufriedene Volk von Arbeiterinnen und Arbeitern mit Geschichten und Geboten aus der Bibel  abzulenken. Vielleicht entdecken Kunstverständige heutzutage irgendeinen Charakter an dieser Kirche, für mich war sie damals ein vernachlässigungswürdiges Betonmonster am Ende des Schulwegs. Jedenfalls hatte sich das Kreuz von besagter Kirche gelöst. Und – dem Universum sei Dank! – kehren bei einem Gewitter alle in ihre Löcher zurück und stellen sich nicht unbedingt neben einen Kirchturm. Mich aber überkam damals die Neugier und ich erlaubte mir die gläubige Mutter einer Mitschülerin, die Birngruberin,  zu fragen, ob das heruntergefallene Kreuz denn eh niemanden erschlagen hätte. Die Birngruberin schaute mich mit schweigendem Unverständnis an  und sagte kein Wort. Ich hätte mir eine gute Geschichte erwartet, in etwa „jemand ist vorbeigegangen und knapp gestreift worden“ oder „es hätte einen Schwerverletzten geben können, hätte da die Vorbeieilende nicht just in dem Moment schon Unterschlupf gefunden unter dem Vordach des Taschnergeschäfts vis a vis, von wo sie das Spektakel genau verfolgen konnte“, so in etwa. Ein Drama mit gutem Ausgang halt. Aber nein, die Birngruberin richtete ihre großen, bebrillten Augen himmelwärts und lässt mich mit den Fragen meiner kindlichen Kosmologie allein. Warum kann ein Stück Eisen, das fällt, nicht jemanden verletzen?

 

„Sie glaubt“, flüsterte mir ihre gleichaltrige Tochter zu, „ein Kirchenkreuz könne niemals jemanden erschlagen!“. Ich staunte über den Aberglauben in meiner unmittelbaren Umgebung. Es war ein frühes, kulturanthropologisches Aha-Erlebnis.

 

Fallende Kirchturmkreuze waren ohnehin kein dauerndes Gesprächsthema  zu dieser Zeit. Mit Pfarrer Kurz selbst wurde dieses Thema nicht besprochen.  Dennoch erinnere ich mich, dass er einmal in unserem bescheidenen Arbeiterhaushalt zu Besuch war. Damals stand uns zur Unterhaltung kein Fernseher zur Verfügung und die Menschen unterhielten sich noch untereinander, sie tratschten, erzählten, plauderten, diskutierten, politisierten und richteten andre aus. Und so musste es gekommen sein, dass Silvester Kurz in seiner schwarzen Pfarrersrobe die Schritte über die Schwelle des Kommunistengesindels gewagt hatte.

 

 

 

Wollte er missionieren? Oder suchte er Unterhaltung abseits des gläubigen Mainstreams? Ich habe nicht die geringste Ahnung. Sie disputierten jedenfalls lauthals – er und mein Vater.  Es konnte durchaus mit dem Klerikalfaschismus zu tun gehabt haben, währenddessen der Vater als illegaler Kommunist eingesperrt war. Vielleicht ging es aber auch um die Taufe von vier Heidenkindern. Wer weiß? In diesem Haushalt wurde immer laut diskutiert. Meist zwischen Männern. Der Pfarrer war nur  ein weiterer Schreihals. Mich nervten sie alle. Sie waren für das kleine Mädchen nicht unterhaltsam. Keine guten Geschichten.

 

Die guten Geschichten, die unterhaltsamen, jene, die das Leben schrieb, die kamen immer von den Frauen. Was die eine angestellt habe, um ein Kind zu kriegen, und die andere, um eine ungewollte Schwangerschaft loszuwerden. Wie fertig werden mit einem Nichtsnutz von Mann? Und was tun mit dem Postler, der sich als Exhibitionist entpuppt hatte.

 

Ich weiß nicht, ob Kurz diese Geschichten im Beichtstuhl zu hören bekam. Ich aber durfte ihnen lauschen, am Küchentisch meiner Mutter.

 

Am besten waren allerdings die Geschichten der Baba Jaga, die Abenteuer von Wasilissa, der Weisen, und Finist, dem hellen Falken. Große Herausforderungen warteten auf sie, am Ende jedoch hatten sie sich immer zu beweisen gewusst. Mutige Mädchen bekamen den Freund ihres Herzens, Abenteuer wurden bewältigt und Rätsel gelöst. Diese Geschichten gefielen auch der Mutter und viele Abende saß sie am Bett und las für aufmerksame Kinderohren. Ich erinnere mich nicht an eine einzige Geschichte aus der Bibel, unternahm aber schon früh Streifzüge durch Sibirien, Russland, durch das Grimm´sche Deutschland und die Welt Hans Christian Andersens.

 

Zum Missionieren hätte Kurz also ein vollkommenes Heidenkind vor sich gehabt. Mit der Ausnahme, dass mir eines Weihnachtens der 1960er Jahre das Christkind erschien. In Flügeln schwebte es über unserer Vorstadtsiedlung, ein ganz in weiß gekleidetes Wesen mädchenhafter Natur, das ich klar und deutlich im Profil zu sehen vermochte. Vielleicht war seine mädchenhafte Ausrichtung aber auch eine vorchristliche Erscheinung, ähnlich zu erklären wie das Jerusalem-Syndrom, eine spirituelle Begegnung, begünstigt durch den um mich herum herrschenden Glauben, dass um die nahende Mitternacht, vor nicht ganz zwei Jahrtausenden,  der Heiland der Welt geboren worden wäre.

 

Ob Pfarrer Kurz meiner Erscheinung geglaubt hätte, wage ich zu bezweifeln. Meine Mutter jedenfalls fragte mich, wo genau das Christkind wäre, und da war es auch schon wieder weg.

 

Später wandte ich mich verschiedenen Sprachen, der Kulturanthropologie und dem Reisen zu. Ich habe in den darauffolgenden Jahrzehnten  sowohl Jerusalem als auch den Berg Sinai besucht und längere Reisen brachten  mich an die Ufer von Ganges, Narmada, Eufrat und Tigris. Zuweilen kehrte ich ins Tal meiner Kindheit zurück. Die Natur bietet Zerstreuung da und dort. Heute sitze ich am Ufer der Donau und bewundere den Wurzelstock der Weide, die sich in Höhen und Tiefen des Stromes zu helfen weiß. Ein Körbchen flechten für das ausgesetzte Kind aus der Bibel, das heute nicht Moses heißt sondern Tabassum oder Salman und an der mazedonischen, serbischen oder österreichischen Grenze wartet?

 

Ob Kurz Kirche und Pfarrhof  der schwangeren Meriem oder dem verzweifelten Yusuf geöffnet hätte? Wer vermag es zu sagen? Mit Sicherheit aber wissen wir, dass Kurz 1985 verstarb, im zu Ende gehenden Kalten Krieg, nicht weit vom Eisernen Vorhang. Am östlichen Rand des damaligen Westens.

 

 (Die Geschichte ist erstmals 2016 erschienen im E-Book „Kurz. Clue Writing Anthologie. Literatur in kleinen Happen“. Hg.: Meister Rahel/Schneiter Sarah. Zürich)